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  Zitate über Dag Hammarskjöld  
           
   

Gedenkrede auf DAG HAMMARSKJÖLD

von seinem Nachfolger ERIK LINDEGREN in der Schwedischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Verleihung des Literaturnobelpreises).

Gehalten am 20. Dezember 1962 bei Lindegrens Eintritt in die Akademie.

Am 20. Dezember 1960 schrieb Dag Hammarskjöld auf eine Postkarte als Antwort auf eine für den Adressaten wichtige Frage:
" Die Aufgabe und Formel unserer Generation - ich glaube ich kenne sie, vielleicht lebe ich sie sogar. Aber ich könnte sie nicht so formulieren, daß ich damit anderen helfe. Vielleicht werde ich es eines Tages können, wenn ich freiere Perspektiven über das, was ich täglich erlebe, bekommen habe."
(...)


Zum Bilde Hammarskjölds gehörten wohl auch hochbewertete, bisweilen fast rituell betonte Freundschaften, wo ein mißbrauchtes Vertrauen die schwerste Todsünde war, und schließlich auch ein gewisser intellektueller Snobismus mit betont        esoterischen Interessen

    DH während seiner Antrittsrede 1953
    in der Schwedischen Akademie

Ein Buch, das in dem wählerischen Kreis des jungen Dag Hammarskjöld anscheinend recht hoch geschätzt wurde, war ein dünnes, aber inhaltschweres Heft, das 1923 erschien unter dem Titel "Vermischtes aus Bertil Ekmans literarischem Nachlaß". Bertil Ekman war einer jener jungen, früh Gestorbenen, ein Jüngling von einem idealistischen Strahlenglanz umgeben, eine Begabung mit vielen Meistern, aber mit einer eigenen Vision. Zu den Meistern zählte u.a. Vilhelm Ekelund - vor allem vielleicht sein "Antikes Ideal" - , und zu seinem Strahlenglanz gehörte auch sein Tod, als er 1320 - 26 Jahre alt oder jung -während einer Wanderung in dem norwenigschen Hochgebirge starb.

Daß Bertil Ekmans Buch recht viel für Dag Hammarskjöld bedeutet hat, zeigt ein Brief aus New York an einen Freund im August 1955. Nachdem er seine Freude darüber ausgedrückt hatte, daß es ihm in Peking gelungen war, die Freilassung der amerikanischen Flieger zu erwirken, zitiert er frei und ausgelassen eine Tagebuchnotiz aus Bertil Ekmans Schrift: "Heute haben wir etwas vollbracht, Gott und ich. Das heißt, Gott hat gebaut, und ich stand darunter mit dem Mörteltopf und rief ihm ermunternd zu."

In dem kleinen Buch von Bertil Ekman kann der psychologische Botaniker verschiedene Keime der Lebensanschauung des reifen Dag Hammarskjöld finden. Es heißt in diesem Buchs "Ein Unsterblichkeit sglaube nur im Gedanken und Gefühl genügt nicht, er muß in den Lebenswillen selbst eindringen, der sich dann. zutiefst dem Tode hin richten wird. Der Tod soll nicht zu jedem kommen, sondern jeder soll an den Tod herankommen. . ."

(...)

In Dag Hammarskjölds Freundeskreis gab es auch eine Begeisterung für das Hochgebirge, die im Grunde, wenn sie auch eine Injektion durch Bertil Ekman bekommen hatte, ein letzter Abglanz des Übermenschen, Nietzsches Zarathustra, war. Aber die Gebirgsweite symbolisierte auch Ibsens Brand...

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Es ist begreiflich, daß Dag Hammarskjöld während seiner glänzenden Karriere viele Tiefendimensionen seines Wesens verbarg...

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Er selbst war ein problematischer Mensch, er liebte Probleme und wurde von scheinbar unlösbaren Problemen angespornt. Man könnte hinzufügen, daß es selbständige, hochbegabte Menschen gab, mit denen er nicht gern unter demselben Dach verkehrte. Seine Peilung einer Persönlichkeit geschah immer blitzschnell, und wenn er keinen klaren Wellenton bekam, wurde er selbst oft konventionell oder korrekt ablehnend. Nach seiner Inspirationskraft zu beurteilen - und hier spreche ich aus eigener Erfahrung - war er in vielem ein Heros, fast eine Art archetypischer Held. Um diesen Eindruck definieren zu können, zitiere ich am besten Sigfrid Lindströms "Sancho Pansa":

"Und es kommt einmal, wenn ihr am besten lacht, ein kluger Don Quijote auf einem besseren Pferd."

Daß ich gerade diese Zeilen wähle, kommt vielleicht daher, daß ich einmal viel von Garry Davis' Cyrano-Geste erwartete, als er seinen Paß zerriß und sich als Weltbürger erklärte. Das war in den 40er Jahren eigentlich eine typische Wahl zwischen dem Unmöglichen und dem Gleichgültigen, wie Karl Vennberg es ausdrückte. Trotz der besten Regie französischer Intellektueller, an der Spitze Albert Camus, erwies sich Garry Davis bald zu klein für die Rolle, was wohl leider von Anfang an zu erwarten war.

Doch, wenn ich rein theoretisch Dag Hammarskjöld als den neuen Don Quijote erwähne, so erlebte ich ihn statt dessen persönlich nach einer ersten Begegnung mehr als den Heros, den Emerson beredt beschreibt:
"Selbstvertrauen ist das Wesen des Heroismus. Er ist die Seele in einem Zustand des Krieges, und sein äußerster Ausdruck ist ein unbeugsamer Widerstand gegen Falschheit und Ungerechtigkeit und eine Fähigkeit, alles zu ertragen, was die Werkzeuge des Bösen anrichten können. Er spricht die Wahrheit; und er ist gerecht, freigiebig, mäßig, kleinlichen Berechnungen überlegen und gleichgültig gegen das Gerede der Menschen."

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Das Kompromißlose dieses Heros zeigte sich gerade in seinem Kampf für den Kompromiß; er manifestierte sich auch federleicht in seiner Antwort an den englischen Dichter Auden, als dieser bei einem Telefongespräch verlegen erklärte9 er hätte das Auftreten des Generalsekretärs während der schweren russischen Vorwürfe in der UNO-Generalversammlung im Herbst 1960 mit größter Sorge verfolgt, worauf dieser entgegnete: "Ach, machen Sie sich keine Sorgen tun mich ! Es war eine herrliche Zeit!"

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In den Übersetzungen, die er in den letzten Jahren machte, fanden gewisse Seiten seines Wesens einen künstlerischen Ausdruck, und diese Identifikation konnte so weit gehen, dass er, mit allem gehörigen Respekt vor dem Schöpfer des Werkes, seine geplante Übersetzung von Martin Bubers "Ich und Du" als eine Botschaft auch von ihm selbst bezeichnete.

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In Hermann Hesses Buch "Die Morgenlandfahrt", das Dag Hammarskjöld gern hätte übersetzen wollen, lernen wir etwas von der Formel kennen, die sein Leben formte und die man gewissermaßen als eine Feerei eher als ein Sinnbild seines inneren Lebens bezeichnen möchte: eine literarische Variation über Mozarts "Zauberflöte", wo der Erzähler ein Novize ist, der nichts von dein esoterischen Ziel der Bruderschaft verraten darf. Wir brauchen uns doch nicht zu wundern, dass dieses Ziel ziemlich klar durchschimmert, und dass Leo, der Diener der anderen, sich schließlich als der Großmeister dieses Ordens erweist: sein weise strenger und weise milder Richter. Um in diese Bruderschaft mit ihren hohen allgemein menschlichen Zielen aufgenommen zu werden, wurde jedoch verlangt, dass der Novize ein eigenes Ziel für sein kurzes Leben hat. Dag Hammar-skjölds persönliches Ziel war ... sich für die moderne Menschheit zu opfern

(...)

Schließlich: es wäre schade, wenn Dag Hammarskjöld in einen Tugendhelden verwandelt würde und wider seinen Willen heranwachsenden schwedischen Generationen als ein moralisierender Schatten erscheinen sollte. Sein Leben war lichter, aber auch dunkler als das. Er war ein Erwählter und ein Ausgeschlossener. In seinem Handeln muss er bisweilen eine Inspiration erfahren haben, die nicht ganz von dieser Welt war.

 

Aus dem Schwedischen übersetzt von der Lektorin Agda Lundgren.

Die komplette deutsche Übersetzung des 18-seitigen Redemansukripts ist im Shop erhältlich.

 

 

 

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